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filmszene special: Berlinale 2001

+++ Donnerstag, 15.02.2001 +++

Das Beste der ResteWährend sich der Wettbewerb eher mühsam über die letzten Runden schleppt, wird es Zeit, ein wenig das Drumherum zu beleuchten. Dass nämlich die anderen Reihen ("Panorama", "Forum", "Retrospektiven") hervorragende Filme zu bieten haben, wird im allgemeinen Trubel um die Bärenjagd ja gern übersehen. Von allerlei Obskuritäten, Kuriosem und Merkwürdigem ganz zu schweigen. Gerade das Kunstfilmparadies "Forum" tut sich da besonders hervor: Der längste Streifen dauert fast sechs Stunden, der zweitlängste hat dafür aber den längsten Namen ("As I was moving ahead occasionally I saw brief glimpses of beauty"). Bei 288 Minuten Laufzeit kann man für den Betrachter nur hoffen, dass die gelegentlichen Momente der Schönheit nicht allzu rar waren. Das man gar nicht so episch werden muss, um erfolgreich zu sein, bewies der kürzeste Berlinalenfilm, "Covered with Chocolate" des deutschen Ansgar Ahlers. Da braucht es nur eine Armada animierter Negerküsse und eine knappe Minute, um ein effektives Statement zu Rassendenken und Kriegswahn abzugeben. Richtig schräg wird es dann aber bei den traditionell vom schwul-lesbischen Schwerpunkt beherrschten "Panorama". "Sa tree lex" (The Iron Ladies) etwa erzählt die wahre Geschichte eines thailändischen Volleyballteams, das 1996 die nationalen Meisterschaften gewann. Der Clou des Ganzen? Das Team bestand vollständig aus Tucken, Tunten und Transen. Was die Australier mit "Priscilla" können, überbieten die Thailänder mit Leichtigkeit. Dass dieser Schwerpunkt allerdings auch wesentlich massenwirksameres Kino produzieren kann, beweisen einige Produktionen, die sogar mit Starpower glänzen können. Der bereits erwähnte und wunderschöne "Lost and Delirious" etwa, in der Piper Perabo ("Coyote Ugly") sich so unglücklich wie tragisch in eine Mitschülerin verliebt. Oder aber "Julie Johnson", in dem sich Courtney "Von-der Schlampe-zur-Lady-und-nein-ich-habe-meinen-Ehemann-nicht-umgebracht" Love die Ehre gibt. Sie darf sich in Lili Taylor vergucken. Was für ein Paar, Frauenpower total. Und als besonderes Schmankerl gab es ja auch noch "Don's Plum" zu bewundern, bereits 1996 gedreht, aber erst jetzt fertiggestellt. Neben dem mittlerweile gewaltig die Erfolgsleiter heraufgekletterten Tobey Maguire ("Die Wonderboys", "Ride with the Devil") gibt es da nämlich auch IHN zu bewundern, noch bevor er zum Überstar wurde: Leonardo Di Caprio (*kreisch*). Und da es neben so viel gutaussehenden jungen Herren auch für Sekunden noch den Allerwertesten von uns Leo zu sehen gibt (*doppel-kreisch*), waren die Karten für "Don's Plum" auch innerhalb von Minuten vergriffen, gerüchteweise bevorzugt von kaum volljährigen Kolleginnen aus den Händen gerissen.Wem das allerdings zu gewagt, zu ungewohnt und überhaupt viel zu modern ist, der kann natürlich auch in Nostalgie schwelgen, und das gleich doppelt. Hommagen an Kirk Douglas und Fritz Lang lassen da keinen Wunsch offen: Ob Sandalenstreifen oder Western, Kriegsfilm oder Romanze. Old is new, auch wegen der zum Teil hervorragend restaurierten Versionen. Und Fritz Langs Knaller wie "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" sowie sein Film Noir-Klassiker "The Big Heat" hauen auf der grossen Leinwand eben doch besser rein als im Pantoffelkino. Von Stanley Kubricks monumentalem "Spartacus" mal ganz zu schweigen. Dass dessen Star und baldiger Ehrenpreisträger Kirk Douglas tatsächlich in Berlin eingetroffen ist, erscheint ob der diversen Absagen und dem akutem Starschwund schon fast wie ein Wunder. Aber hey, wenn man schon mal fürs Lebenswerk ausgezeichnet wird, darf man sich nicht lumpen lassen. Egal, was man sich aus der nicht zu bewältigenden Masse an Filmen aus den Nebenreihen aussucht, langweilig wird das Ganze nicht. Gerade ob der in steigerndem Maße und rauen Massen die Leinwände heimsuchenden Hochglanzprodukte aus Hollywood verdeutlichen diese Filme die Wichtigkeit der auch hier ein wenig geschmähten Berlinale: Der Blick über den Tellerrand, das ansonsten nicht mögliche Wahrnehmen von Filmschaffen außerhalb des begrenzten eigenen Kinokosmos. Und wenn sich dann das erschöpfte Publikum nachts um 1 Uhr zu standing ovations für einen kleinen Film wie "L'attitude Zero" aus Brasilien hinreißen lässt, um dem Regisseur Mut zu machen, bald einen Verleih für sein Werk zu finden, dann sagt das eigentlich alles. Hier können auch die ganz Kleinen die großen Gewinner werden.

S. Staake

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